Jean Bodel
Der leprakranke Dichter


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Arras, eine Stadt im Norden Frankreichs an der Grenze zu Flandern. Im 12. und 13. Jahrhundert ist der Ort eine blühende Handelsstadt mit immerhin 35 000 Einwohnern, eine beachtliche Zahl für das Mittelalter. Der kleine Fluss Crinchon liefert Wasser für die Tuchfabrikation, und die Tapisserien von Arras, die so genannten Arrazzi, werden nach England, nach Italien und sogar in den Orient exportiert. Arras ist eine wohlhabende Stadt. Im Jahre 1161 wird ihre prächtige Kathedrale eingeweiht. Um die Jahrhundertwende blüht dort das kulturelle Leben, gefördert von den reichen Kaufleuten. Sie bezahlen die Dichter und Sänger, deren bürgerliche Kunst in Konkurrenz zur höfischen Dichtung tritt. Die Bruderschaft „Carité“ (Caritas) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Künstler zu unterstützen, falls sie bedürftig sind. Eine Künstlergemeinschaft, der Puy Notre-Dame, organisiert Sängerwettstreite, festliche Umzüge und Aufführungen. Die Trouvères, wie sich die nordfranzösischen Dichter nennen, tragen ihre Werke oft nicht selbst vor. Das tun eigens dazu ausgebildete Sänger, die Ménestrels, die ihre Kunst an Instituten gelernt haben, welche als Vorläufer unserer modernen Konservatorien gelten. In diesem Umfeld wirkt ein Dichter, dessen Name bis heute unvergessen ist: Jean Bodel, den ein tragisches Schicksal später an Lepra erkranken lässt. Um 1165 kam er zur Welt, er war verheiratet und hatte zwei Kinder, doch deren Namen sind nicht überliefert. Besonderen Ruhm erlangt er in Arras mit seinem „Spiel vom heiligen Nikolaus“, das jährlich am 5. Dezember, dem Vorabend des Nikolaustages, in den Schulen der Stadt aufgeführt wird. Es ist eine Legende mit satirischen Zügen, eine Mischung aus ernsthaften und komischen Szenen, wie es der neuen, sich nun herausbildenden bürgerlichen
Kunst entspricht. Jean Bodel ist ein angesehener Künstler, dem Leben zugewandt und ein gern gesehener Gast bei den Festlichkeiten der reichen Bürger. Umso bedauernswerter ist sein Schicksal. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erkrankt
er an der Lepra, und als die Krankheit fortschreitet, begibt er sich 1202 in eines der drei Leprosorien der Stadt Arras, wahrscheinlich in die „Maladrerie de Saint-Nicolas“ im nahe gelegenen Dorf Méaulens. Doch er geht nicht, ohne ein Meisterwerk zu hinterlassen, das einzigartig ist: In einem Gedicht von 45 Strophen – „les Congés“ nimmt er Abschied von seinen Freunden und Gönnern. Eindrucksvoll beschreibt er darin sein körperliches und seelisches Leiden; er
ruft sich die Schönheiten des vergangenen Lebens in Erinnerung, und er bittet um Unterstützung für das Hospital.
Formal greift sein Zyklus auf das Gedicht eines Zeitgenossen zurück: Hélinand de Froidmont, (etwa 1160 -1230) und dessen „Verse des Todes“. Hélinand war kein lebensfroher Mensch wie Jean Bodel. Er hatte sich in ein Zisterzienserkloster zurückgezogen und predigte die Abkehr von der Welt in Erwartung des rettenden Todes. In seinen Gedichten bittet er den Tod, seine Freunde aufzusuchen und sie aufzufordern, ebenfalls der Welt zu entsagen und
ins Kloster zu gehen. Ganz anders jedoch Jean Bodel! Er preist die Schönheit des Lebens und spricht von dem Schmerz, den es bedeutet, es verlassen zu müssen. Nicht den Tod schickt er zu seinen Freunden, sondern seine „Not“, die personifizierte „Détresse“, und lässt sie um Hilfe bitten, wie zum Beispiel in der 19. Strophe: 

Not, die du in meinem Herzen wohnst,
geh wohin ich dich sende, denn ich wage nicht weiterzugehen.
Sage Piéron Wasquet Lebewohl:
er hat viel für mich getan und verspricht, künftig
noch viel zu tun;
die Kaufleute zeigten sich mir sehr geneigt:
geh, sprich von mir
zu ihm und zu Simon Durand.
Niemals waren sie es leid
mich zu unterstützen, Tag für Tag:
Vor Gott sage ich ihnen Dank.

Seine unendliche Trauer, aber auch die Ergebenheit in sein Schicksal, drückt er in der 8. Strophe aus. Wir erfahren, dass die Lepra bei ihm schon so weit fortgeschritten ist, dass sie sichtbare Spuren hinterlassen hat. Und er erinnert sich an bürgerliche Feste, bei denen er zugegen war:

Schmerz, der du dich niederlässt in meinem Herzen,
mit deiner von der Qual erbleichten Maske,
der du mich auf die Knie zwingst,
sage Wibert de la Sale von mir
- bevor ich mein Gepäck schließe -
dass ich ihm Lebewohl sage ohne Wiederkehr.
Immer, ohne Unterlass, werde ich mich erinnern
an ihn, den edlen Menschen,
der frei ist von Geschwüren und Schwielen.
Und dass nicht mein Wille geschehe, sondern der eines anderen,
denn ich kann mich nicht mehr zu Tisch setzen
in gesunder Gesellschaft: ich habe die Lepra.



Besonderes Gedenken gilt seinen Gönnern. So heißt es in der 3. Strophe:

Mein Herz, wenn du nicht zu nichtswürdig bist,
so lasse nie zu, dass aus meinen Versen gelöscht werden Oheim und Nichte:
ihnen verdanke ich mehr als allen anderen,
niemals wurde ihnen mein Alter oder mein Zustand zur Last,
und stets unterstützten sie mich auf ihre Kosten.
Welch recht gewählte Großherzigkeit:
alles, was sie mir gaben, ist für Gott.
Welcher Zweck ist besser?...
Und nun versetzte mich Gott
in den schmerzvollen Zustand, den er mir bestimmte hatte:
darüber bin ich gleichzeitig traurig und froh.

In der 20. Strophe des Gedichts wendet er sich an den Großmeister der „Carité“, der zugleich sein behandelnder Arzt ist. Traditionell ist der Leiter dieser seit 1194 belegten Bruderschaft ein Arzt, da sie ursprünglich medizinischen Zwecken diente. Auch hier verbindet Bodel seinen Dank mit der Bitte um weitere Unterstützung:

Raoul Rauvin, edler Großmeister,
es ist Zeit, das Werk der Nächstenliebe zu tun
an mir, Eurem Bruder.
Ich habe in der Welt der Menschen nichts mehr zu schaffen,
ich muss mich von ihr zurückziehen;
und doch, als ich dort war,
fand ich überall Vater und Mutter.
Heute bezahle ich dafür, das ist gerecht,
von nun an muss ich mich bescheiden
mit einem Leben, welches – hart und bitter für den Leib -
die Seele reinigt und erleuchtet.
Denn der Leib muss erneuert werden.
In insgesamt sieben Strophen spricht er aus, was eigentlich sein Wunsch und
sein Plan gewesen wäre: die Teilnahme am 4. Kreuzzug gegen die Sarazenen,
der 1204 beginnen sollte. Hier sei als Beispiel die 37. Strophe wiedergegeben:
Ach, Nicolas der Zimmermann,
lieber und treuer Geselle;
Adieu! Ich schicke mich an, fortzugehen…
Ihr habt mir immer geholfen, wenn ich dessen bedurfte
mit Wärme, ohne zu zögern
als wäret Ihr mein Schuldner!
Heute bleibt mir keine Wahl:
Ihr zieht aus zum großen Sieg,
zu dem mir der Weg untersagt ist.
Gott erkennt den guten Pilgersmann:
Er will meiner Seele helfen,
denn für den Körper ist es zu spät.

An einen unglücklichen Freund gibt er den Rat (Strophe 36):

Caignet, ich beklage, dass du stumm bist,
wenn das Elend dich nicht loslässt.
Sammle deine Kräfte, geh voran,
mach es wie die kühnen Ritter:
trage mein Kreuz, du wirst dann zweie haben…
Denn, wenn du das Land verlassen hättest,
wärest du bald in Brindisi!
oder in Berletta – gerettet.
Du kannst hier nicht glücklich sein:
geh auf den Kreuzzug, ich hätte so meinen Teil geleistet;
wenn du dort bist, im Elend für mich,
so werde ich hier für dich unglücklich sein.

Die letzte Strophe fasst zusammen, was Bodel angesichts seines Schicksals empfindet: Der Abschied von den Menschen, die ihm teuer waren, fällt ihm schwer, das Leben, das ihn erwartet, wird hart sein und doch ist er bemüht, sich gottergeben in sein Schicksal zu fügen:

Euch alle empfehle ich Gott,
mit einem Wort, ohne jeden von Euch zu nennen:
ich kann mich über niemanden beklagen,
von jedem muss ich sogar Gutes denken;
und obwohl es mir schwerfällt,
muss ich mich von euch trennen:
aufgehen muss ich
in einer wohl unglückseligen Gesellschaft!
Jetzt, da Gott mir die Gnade gewährt
wie eine Wohltat
das Übel, welches meinen Körper tötet, zu ertragen,
und ich Gott meine Seele biete.

Jean Bodel stirbt 1209 im Alter von etwa 44 Jahren im Leprosorium von Arras.

Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung zur sprachlichen und formalen  Fassung seines Gedichtes. Jean Bodel schreibt in altfranzösischer Sprache mit picardischen Einschlägen. Die einzelnen Strophen bestehen jeweils aus 12 Versen zu je acht Silben, die zumeist nach dem Schema aabaab bbaba gereimt
sind, eine Form, die er von Hélinand de Froidmont übernommen hat. Das Gedicht wurde ins moderne Französisch  übertragen, wobei diese Form verlorenging. Die deutschen Übersetzungen orientieren sich an dieser
Übertragung. Um dies zu verdeutlichen, sei die letzte Strophe  in Originalform und in der französischen Fassung wiedergegeben:

A Dieu vous vueil tous commander
Ensamble, sans chascun nonmer,
Car n’I a nul don’t je me plaigne,
Ains m’en lo molt et doit loer.
De vous me convient eschiuer,
Comment que li cuers m’en m’en destraigne:
Avoec molt diverse conpaigne
M’estuet que je me racompaigne.
Or m’I doinst Diex si endure
Le mal qui le mien cors mehaigne
Que par le prendre en gré ataigne
A Dieu m’ame representer.
Tous, je vous recommande à Dieu,
d’un mot, sans vous nommer un par un:
je n’ai à me plaindre de personne,
je n’ai même que du bien à penser de chacun;
& quoi qu’il m’en coûte,
je dois me séparer de vous:
il faut que je me joigne
à bien néfaste compagnie!
Maintenant, que Dieu m’accorde la grâce
de supporter comme un bienfait
le mal qui tue mon corps,
& j’offrirai mon âme à Dieu.